Robert Habeck

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Die offizielle Seite von Robert Habeck, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Schriftsteller und Publizist.

November 2019
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Keksdose mit Prinz

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Am grauen letzten Samstag fuhr die Straßenbahn nicht.  Ich stand im Nebel, der einem durch jede Naht kroch, und mit mir warteten etwa 20 andere auf den Schienenersatzverkehr. Dann kam der Bus, hielt aber nicht an der Haltestelle, sondern gut 10 Meter davor. Und dann fuhr er plötzlich wieder rückwärts. Ich stand neben einem jungen Vater mit Kinderwagen, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Wir schauten uns an und dann machten wir beide dumme Sprüche. Fühlte sich fast wie Freundschaft an.

Deutschstunde im Bus

Auf der Rückfahrt, noch immer im Ersatzbus, noch immer im Nebel, noch immer in der Februar-Großstadt-Tristesse, fragte ein Mann in gebrochenem Deutsch eine ältere Dame mit blond gefärbten Haaren, wo er aussteigen müsse. Und die Dame setzte sich im Bus neben ihn, verwickelte ihn in ein langes, freundliches Gespräch, brachte ihm ein paar Vokabeln bei, und zeigte ihm, seine Haltestelle.

Ein Halteruf

Zwei Stationen weiter brüllte plötzlich ein ziemlich bullig und irgendwie auch gefährlich aussehender Mann durch den Bus: „Halten Sie mal an – da steht noch ein Kind draußen.“ Und der Busfahrer, auch eher von der mürrischen Sorte, hielt und das Kind konnte einsteigen.

Jetzt der Schokokeks

Später saß ich im Zug einem Mann gegenüber, der eine große Blechdose für Schokoladendoppeldeckerkekse auf seinem Tisch stehen hatte. Weil wir von früher auch so eine Dose haben, musste ich sie immer wieder angucken und genauso den Mann. Ich fragte mich, ob er wie ich sei, ob es Ähnlichkeiten in unsere Leben geben würde, ob seine Kinder so alt seien wie meine und ob er auch an erste Zugreisen mit der Familien denken würde, nur wegen dieser blöden Kinderdose mit Prinz drauf. Und irgendwann blickte er von seinem Laptop auf und fragte mich, ob ich n Keks wolle. Ich nahm einen.

Wie entstand diese kleine Freundlichkeit, mit der sich wildfremde Menschen das Warten, Reisen, Leben erträglicher machen? Ich glaube, die einfache und grundlegende Botschaft ist: Menschen wollen angesprochen werden. Und zwar von Menschen. Das ist übrigens eine politische Aussage.