Robert Habeck

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Die offizielle Seite von Robert Habeck. Grüner Politiker, Umweltminister und stellv. Ministerpräsident in Schleswig Holstein, Schriftsteller und Publizist.

Dezember 2018
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Drei Wege, Ferkel zu kastrieren – und zwei, es nicht zu tun

Wie man die Realität und Gesetze verdrängt

Robert HabeckRobert Habeck

In der dänischen Fernsehsserie „Borgen“ lässt sich die Ministerpräsidentin einmal einen Schweinestall zeigen und erklären, wie die Tiere gehalten werden. Neugierig fragt sie: „Und wann dürfen die raus?“ Und der Bauer sagt: „Nie.“ Ihr Erstaunen kann die Ministerpräsidentin nicht mehr in Worte fassen.

Wir töten Tiere, um sie zu essen. Wenn wir uns mal trauen würden, die Bedingungen, wie wir sie halten, zu hinterfragen, hätten wir wahrscheinlich alle nicht die Worte dafür. Aber ab und zu gibt es Ansätze. Keine, die das System umkrempeln. Aber die innerhalb des Systems wenigstens leichte Verbesserungen bedeuten. So wurde vor sechs Jahren beschlossen, dass männliche Ferkel nicht mehr in ihren ersten Lebenstagen ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Werden sie nämlich. Millionenfach. Dass sie kastriert werden, liegt daran, dass das Fleisch von etwa 5 Prozent der nicht-kastrierten Tiere „nach Eber“ riecht und schmeckt. Beziehungsweise nicht schmeckt. Der Handel und die Fleischbranche haben panische Angst davor, dass Kunden, die solches Eberfleisch erwischen, der Appetit auf Schweinefleisch vergehen.

Um den Ferkelchen Leid zu ersparen, wurde 2013 im Tierschutzgesetz festgelegt, dass die Kastration von 2019 an „schmerzfrei“ zu erfolgen hat. Und in der Tat gibt es drei Möglichkeiten dafür: Man könnte sie mit einem Betäubungsas in eine Vollnarkose versetzen. Solche Betäubungseinrichtungen sind einsatzfähig, sie werden unter anderem in den Niederlanden eingesetzt, aber sie sind teuer. Die zweite Möglichkeit wäre, auf die Mast von Ebern zu verzichten. Die bringt ohnehin Probleme, größere noch als die ohnehin schon enge Schweinemast: Solche Mastgruppen hab ich mehrfach gesehen. Hat schon die Schweinemast an und für sich zu wenig Platz für die Tiere (die Nutztierhaltungsverordnung sieht für jedes Schwein – und die wiegen 100 kg –  0,75 qm vor) , hat es die Ebermast noch viel weniger. Die Jungs sind aggressiv (klar, 30 Halbstarke auf 20 Quadrameter Platz, im Ammonikgestank ihrer eigenen Fäkalien, das macht was mit den Tieren). Sie beißen sich in Schwänze, Ohren und Genitalien, sie verletzen sich, sie reiten auf..  Eine für die Tiere gute Ebermast geht im Prinzip nur, wenn die Tiere wirklich viel, viel Platz haben und draußen sind. Die meisten Schweine stehen aber drinnen. Wir mästen knapp 30 Millionen Schweine in Deutschland – un niemand sieht sie, weil sie in geschlossenen Anlagen leben.

Die dritte Möglichkeit ist eine Impfung, die die Ausbildung der Hoden unterdrückt. Diese Methode ist erprobt und funktioniert. Aber der Handel hat Angst, dass vor allem fleischessende Männer kein solches Fleisch verzehren,  aus Angst vor Impotenz. Nur: Die Impfung baut sich vollständig ab. Aber das scheint Verbrauchern weder erklärbar noch zumutbar. Wohl aber den Ferkeln die Kastration ohne Betäubung. Wenn das keine verrutschten Maßstäbe sind….

Eine vierte Mögichkeit wäre, kein Fleisch zu essen. Für den Vegetarier muss kein Schwein kastriert werden. Aber ich will niemanden überfordern. Also, von 1.1.2019 an ist die betäubungslose Kastration verboten. Nur: die Alternativen dazu werden noch nicht praktiziert und wurden nicht vorangebracht. Sechs Jahre verstrichen. Die Technik wurde nicht gefördert, Handel und Verbraucher nicht vorbereitet, die Tierhaltung selbst schon gar nicht verändert.

Woher kommt diese politische Verhaltensstarre und Verweigerungshaltung?

Ich glaube, es liegt daran, dass wir uns gar NICHT mit den Bedingungen der Tierhaltung beschäftigen wollen. Diese Form der Landwirtschaft funktioniert nur durch Verdrängung.

Im letzten Bundesrat versuchten die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen, den Paragraphen des Gesetzes auszusetzen, damit die Regelung nicht in Kraft tritt. Aussitzen und Nichtstun zu belohnen, das war dann doch zu viel und sie scheiterten. Zu Recht.

Jetzt also kann sich die Bundesregierung nicht mehr hinter den Ländern verstecken. Sie muss anfangen, Gesetze ernst zu nehmen, höhere Tierschutzstandards nicht nur zu proklamieren, sondern zur Realität zu machen. Oder sie trägt die alleinige Verantwortung, Tierschutz gegen Nichtstun auszupielenb. Ich kenne die Hürden im Konkreten, ich weiß, was Veränderung Landwirten abverlangt. Aber das System läuft gegen sich selbst: Immer mehr Tiere, immer mehr Fleisch, schärfere Klimakrise. Die Politik muss die Bedingungen der Tierhaltung ändern. Und Politik, die von sich glaubt, sie sei dann am besten, wenn sie nichts tut, ist keine. Und niemand braucht sie.