Robert Habeck

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Die offizielle Seite von Robert Habeck. Grüner Politiker, Umweltminister und stellv. Ministerpräsident in Schleswig Holstein, Schriftsteller und Publizist.

August 2017
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Haben Roboter ein Geschlecht? #maschinenundmoral1

Wir brauchen Maschinen, die menschlichen Werten dienen. Aber was, wenn die Maschinen die besser befolgen als Menschen?

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Haben Roboter ein Geschlecht?

Wir brauchen Maschinen, die menschlichen Werten dienen. Aber was, wenn Maschinen diese besser befolgen als Menschen?

 

Haben Roboter ein Geschlecht?

 

Augen, größer als 2-Euro-Stücke, tiefschwarz und ein Mund zierlich wie der eines Kindes. So sieht Pepper aus. Pepper analysiert selbstständig und permanent, wie unsere Mimik und Gestik funktioniert und reagiert entsprechend auf unsere Gefühlszustände. Mit anderen Worten: Pepper lernt. Pepper sieht so aus, als ob er fühlt. Aber Pepper ist eben nicht nur darauf programmiert, wie ein Mensch zu agieren, sondern ist ein menschenähnlicher Roboter. Ein Roboter, der mich schon 2016 bei einem Besuch in Wuppertal in der VillaMedia begrüßte.

Ein halbes Jahr später traf ich einen zweiten Pepper-Roboter in einer Starter-Kitchen in Kiel. Er wurde in Pflegeheimen eingesetzt, um die Alten und Kranken zu unterhalten, für und mit ihnen zu tanzen oder mit ihnen zu spielen. Seine Stimmenerkennung war so programmiert, dass er sich immer denjenigen zuwendete, die am meisten mit ihm sprachen. Also nicht mir, ich war ja neu. Und als er immer wieder die Studierenden mir vorzog, registrierte ich so etwas wie Eifersucht bei mir. Die Maschine löste also menschliche Gefühle aus. Die großen Roboter-Augen berühren einen ganz eigentümlich. Und das, obwohl das Ding erkennbar aus Kunststoff und Kabeln bestand und mit einer blechernen Roboterstimme sprach.

Pepper war also weit, weit weg von künstlichen Intelligenz-Puppen, wie sie etwa in dem Film „Ex Machina“ vorgeführt werden, in dem sich Menschen in Roboter verlieben, wissend, dass es Roboter sind. Und auch seine emotionale Tiefe war erkennbar nicht sehr ausgeprägt, so dass ich ausschließen kann, dass dieses Ding zu mir oder seinen Besitzern Gefühle aufbauen konnte.

Dennoch hat mich dieser kurze Moment erschreckt. Denn wenige Schlüsselreize genügten, dass ich das Ding mit menschlichen Attributen belegte und Jörg Heynkes, den Chef der VillaMedia und Peppers Herrn und Meister fragte, ob Pepper ein „er“ oder eine „sie“ sei. Wir diskutierten noch eine Weile darüber, ob Roboter ein Geschlecht bekommen sollten oder haben. Die Antwort, „natürlich nicht“ ist zu schnell gegeben. Denn mit irgendeiner Stimme sprechen sie ja und auch die niedlichen Kindchenschema-Manga-Augen sind nicht ohne Geschlechtlichkeit. Der Roboter in Kiel ein halbes Jahr später hieß „Emma“. Er war für die Betreiber eine Frau. Aber hätten Roboter ein Geschlecht, haben sie dann auch Geschlechtlichkeit, Emotionalität, Empfindsamkeit? Nun, diese Diskussion gibt es schon seit alters her, nämlich bezogen auf Engel. Welches Geschlecht haben sie denn? Putten-Engel sind meistens dickliche Jungs, Feuerschwert-Engel männlich, die guten Engel oft weiblich. Der Erzengel Gabriel hat im Laufe der Geschichte sein Geschlecht gewechselt. Insgesamt müssen Engel wohl geschlechtsneutral sein, sonst wären sie ja nicht göttlich, sondern menschlich. (Einige sagen, Engel seien zweigeschlechtlich, aber das ist nicht dasselbe wie geschlechtsneutral und würde, wörtlich genommen, eine interessante reformatorische Debatte in den Kirchen auslösen, dass nämlich Gott offensichtlich nicht nur Mann und Frau geschaffen hat, sondern auch etwas Drittes.) Aber mit der Geschlechtsneutralität wird die Debatte nur noch komplizierter. Sind dann Roboter die neuen Götter? Klüger als wir, weil sie das Google-Welt-Wissen beherrschen, raffinierter als wir, weil sie unsere Reaktionen anhand von Algorithmen vorhersagen können und dazu selbst fehlerfrei, weil sie eben nicht durch Liebe, Lust und Leidenschaft gestört werden? Weil sie eben nicht fühlen?

 

 

 

Vom Homo sapiens zum „Homo Deus“: Wir können Identität, Bewusstsein, Willensfreiheit selbst erschaffen

 

Inzwischen finden Pepper und andere seiner Art ihren Einsatz in mehreren Bereichen der Öffentlichkeit. Die Roboter tanzen mit Kindern auf Kinderkrankenstationen, kommunizieren mit Alten in Altenpflegeheimen und tragen dabei Namen. Damit werden sie ganz anders eingesetzt als Maschinen zuvor. Seit der Erfindung der Dampfmaschine sollten Maschinen die stumpfsinnige, serielle Arbeit machen.

Schon diese Form der Automatisierung unterlag der Kritik. Der Philosoph Günther Anders, Heidegger und Husserl-Schüler, mit Hannah Arendt verheiratet, arbeitete in seinem Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ von 1956 dieses „promethische Gefälle“ als die Kluft zwischen „Machen“ und „Vorstellen“, „Tun“ und „Fühlen“, „Gerät“ und „Leib“ heraus. Während der Flucht vor dem Nationalsozialismus arbeitete Anders in den USA am Fließband. Er schreibt darüber: „Man glaubt kein Ende, man sieht kein Ende – der Fortschrittsbegriff hat uns apokalypseblind gemacht.“ Wir Menschen haben die Technik zum „Subjekt der Geschichte“ in der „Volksgemeinschaft der Apparate“ gemacht.

Aber bei aller Verdrängung von Arbeitsplätzen und den sozialpolitischen Folgen, man konnte immer auch argumentieren, dass die Maschinen die Menschen von Mühen und Schuften befreien. Pepper und die Generation neuer digitaler Maschinen, das Sprachprogramm Siri auf unseren Handys etwa oder auch neue Sex-Roboter, ersetzen nun emotionale Beziehungen. Oliver Bendel, der zur Moral der Maschinen forscht, warf im Interview mit der dänischen Zeitung Jyllands-Posten einen Blick auf den Robotersex der Zukunft. „Imagination, Stimulation und Penetration“ würden bald ununterscheidbar von menschlichem Sex sein. Roboter leisten Arbeiten, von denen wir – wir als Menschheit – noch vor kurzem gesagt hätten, diese werden auf immer den Menschen vorbehalten bleiben. Das erweist sich jetzt als Irrtum. Bleiben sie nicht. Und wenn manch einem Mann schon lange nachgesagt wurde, er habe eine emotionale Beziehung zu seinem Auto, werden wir vielleicht bald Autos haben, die basierend auf lauter Algorithmen, auf all diese Bedürfnisse eingehen – berechenbar, zuverlässig und perfekter sind als ein Mensch das könnte. Und vielleicht fühlt sich das dann an, als würden sie diese emotionale Beziehung erwidern.

Das wirft völlig neue und dramatische, ja verstörende Fragen auf: Können oder dürfen wir Maschinen überhaupt so behandeln als könnten sie fühlen? Wenn wir das verneinen, wer ist für das Lernen und Agieren von Pepper verantwortlich? Wer dafür, wie ein selbstfahrendes Auto handelt? Wenn ein selbstfahrendes, lernendes Auto ein Kind überfährt – ist es die Schuld des Autos? Der Software? Des Programmierers?

Wir sind an der Schwelle vom Homo sapiens zum „Homo Deus“, wie der israelische Wissenschaftler Yuval Noah Harari schreibt. Wir können Identität, Bewusstsein, Willensfreiheit selbst erschaffen.